Es ist kalt geworden
21.04.2026
Wenn in Langerfeld der große Topf auf dem Herd steht und politische Lieder den Raum füllen, geht es um mehr als nur Verpflegung. Es geht um das Eingemachte unserer Gesellschaft. In einer Zeit, in der die Solidargemeinschaft unter Dauerbeschuss steht und sich die Demokratie zunehmend rechtfertigen muss, lud der „Küchentisch“ zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme ein.
Gewerkschaften: Zwischen Ritual und Relevanz
Im Zentrum der Diskussion mit Guido Grüning (Vorsitzender des DGB Wuppertal) stand eine unbequeme Frage: Wo stehen die Gewerkschaften eigentlich, wenn gerade nicht gestreikt wird? Moderator Stefan Seitz hakte präzise nach, ob der spürbare Mitgliederschwund – ein Schicksal, das man sich unfreiwillig mit den Kirchen teilt – einen schleichenden Relevanzverlust bedeutet. Grüning machte deutlich, dass Gewerkschaften weit mehr sind als Akteure in ritualisierten Tarifrunden.
Doch der Gegenwind ist rau:
Gerechte Teilhabe wird oft als Luxus abgetan.
Generationenverträge wackeln unter dem wirtschaftlichen Druck.
Die Entsolidarisierung wird durch starke politische Kräfte aktiv vorangetrieben.
Heiße Eisen und klare Kanten
Der Abend scheute auch vor den „brisanten“ Themen nicht zurück. In der Debatte wurde deutlich, dass sich die Arbeitnehmervertretungen heute in einem komplexen Spannungsfeld bewegen:
1. Migration und Flucht: Wie gelingt Integration in den Arbeitsmarkt ohne Ausbeutung?
2. Fachkräftemangel vs. Arbeitslosigkeit: Das Paradoxon unserer aktuellen Wirtschaftslage.
3. Verhältnis zur AfD: Hier gab es am Küchentisch kein Lavieren – die klare Abgrenzung gegenüber Kräften, die die Solidargemeinschaft spalten wollen, bleibt Kern der gewerkschaftlichen Identität.
4. Diversifizierung unternehmerischer Strukturen: Die moderne Wirtschaft nutzt „Outsourcing“ und „Fragmentierung“ oft unbewusst (oder bewusst) als Schutzschild gegen Kollektivverhandlungen. Gewerkschaften müssen hier neue Wege gehen, wie etwa die digitale Organisierung oder die Gründung von branchenweiten Netzwerken statt rein betrieblicher Strukturen.
Kultur, Kulinarik und Austausch
Was diesen Abend besonders machte, war die Atmosphäre der „Teilhabe“. Während Raimund Vach mit seinen politischen Liedern den passenden Soundtrack zum Nachdenken lieferte, sorgte der wärmende, mit viel Liebe zubereitete Eintopf von Köchin Fidan Turan (in Kooperation mit dem Café PRIO) für die nötige Bodenhaftung.
Es wurde klar: Solidarität ist kein Luxusgut, sondern das Fundament, auf dem wir stehen. Und solange Menschen bei Eintopf und Musik zusammenkommen, um über die Zukunft der Arbeit und der Demokratie zu streiten, ist der Geist der Gemeinschaft in Wuppertal noch lange nicht erloschen.
Einen Eindruck von den Liedern, die Raimund Vach vorgetragen hat, vermittelt dieses Video.
Hinweis: Für das Video öffnet sich ein neues Browserfenster.
Es wirkten mit:
Guido Grüning – Vorsitzender DGB-Stadtverband Wuppertal
Stefan Seitz – Journalist und Moderator
Raimund Vach – Politische Lieder