Die subjektive Wahrheit der Fotografie (von Daniel Diekhans)
„Hinter der Linse“: Fotograf Matthias Neumann stellt in der Bandfabrik aus
Immer wieder stellt sich Matthias Neumann dem Wahrnehmungsabenteuer Stadt. Mit Kamera und Stativ taucht er ein in das Häusermeer der Metropolen, bleibt für eine gelungene Aufnahme stundenlang auf dem Beobachterposten. Seine Fotografien offenbaren die permanente Reizüberflutung. Sie halten Glasfassaden fest, die das Außen und Innen in vielfacher Brechung spiegeln. Auf Straßen und Plätzen bewegt sich ein unaufhaltsamer Menschenstrom. Nur selten sticht ein Passant aus der Menge hervor.
„Urbanics“ nennt der Fotograf seine Aufnahmen, die in den letzten zehn Jahren auf Städtetrips im In- und Ausland entstanden sind. Unter der Überschrift „Hinter der Linse – Ansichten des Ungesehenen“ zeigt er jetzt eine Auswahl in den Räumen der Bandfabrik in Langerfeld.
Zur Ausstellungseröffnung sprach Kurator Andreas Steffens über Neumanns notwendig subjektiven Zugriff. Hartnäckig halte sich die Vorstellung von der wirklichkeitsgetreuen Fotografie, so der Redner: „Tatsächlich ist Fotografie das fiktionalste Medium, indem es zeigt, was nur der Fotograf und niemand sonst mit eigenen Augen sehen kann, den Bruchteil eines Augenblicks.“ Neumanns Stadtlandschaften stellen die eigene Perspektive aus: „Reisen, um zu sehen, ist das Motiv einer Fotografie, die nicht abbilden, sondern entdecken will. Nicht zeigen, sondern sichtbar machen. Womit sie die Grenze hin zur Bildkunst überschreitet.“
Zurück von seinen Reisen bearbeitet der Künstler die Digitalaufnahmen. Er verändert die Kontraste, bis ihm die Farbwerte stimmig erscheinen, hebt durch Angleichung Korrespondenzen hervor. Das Komponieren von Bildern liegt Neumann, der seit 1991 Bratsche im Sinfonieorchester Wuppertal spielt. Die Freude am Fotografieren brachte ihn dazu, nach über 15 Jahren Dienst um die Reduzierung seiner Stelle auf eine halbe zu bitten. Der damalige Orchesterchef Kamioka gab seine Erlaubnis, und der Berufsmusiker konnte in Bielefeld Künstlerische Fotografie studieren. Mit einem „Master of Arts“ schloss er 2012 ab, Erfolge bei Wettbewerben stärkten ihm den Rücken.
Wie musikalische Werke kennen auch die „Urbanics“ Leitmotive und Seitenthemen. Bei Neumann drängen sich knipsende Touristen nicht bloß auf dem Pariser Montmartre, sondern auch am grauen Strand von Saint-Malo. Ganz auf ihre Selfies konzentriert, scheinen sie der Welt abhandengekommen zu sein. Die Außensicht erlaubt es dem Fotografen, seine Protagonisten in einer Situation einzufangen, die ihnen selbst am wenigsten bewusst sein dürfte.
Ausdrücklich wies Steffens auf ein Bild hin, in der zumindest eine Person auf Selfies verzichtet. Da sitzt eine Touristin lässig auf einem Felsen. Doch ihr Blick geht ins Leere, die Landschaft weckt kein Interesse. Für den Interpreten ist es ein Sinnbild des Anthropozän – unserem Zeitalter, in dem der Mensch alle natürlichen Prozesse beeinflusst.
Matthias Neumann zeigt seine Bilder bis 28. Juni in der Bandfabrik, Schwelmer Straße 133. Zugang zur Ausstellung haben Besucher während Veranstaltungen und nach Vereinbarung mit dem Büro der Bandfabrik. Der Künstler bietet Führungen an.
Kontakt: matneumann@t-online.de