Presse: Zwischen Flucht, Knast und Front (von Evgenia Gavrilova – WZ 24.10.2026)

Das Schicksal von Kriegsdienstverweigerern in der Ukraine und Russland war jetzt auf Einladung des Friedensforums Thema in der Bandfabrik

Langerfeld  Volles Haus in der Wuppertaler „Bandfabrik“: Rund 50 Interessierte kamen im Kulturzentrum zusammen, um etwas über das Schicksal von Kriegsdienstverweigerern in der Ukraine und Russland zu hören.

Eingeladen hatte das Wuppertaler Friedensforum zu einem Abend, der tiefe, wenn auch kontroverse Einblicke in die Perspektiven von Exil-Aktivisten der „Union der postsowjetischen Linken“ (PSL) bot – eines europäischen Netzwerks von Aktivisten, Migranten und Geflüchteten aus ehemaligen Sowjetrepubliken, das sich im Exil für einen sozialistischen Wandel und transnationale Solidarität einsetzt. Die Referenten – der ukrainischstämmige Biochemiker Andrej Konovalov und der Moskauer Soziologe Anton Polsky – zeichneten ein düsteres Bild der gesellschaftlichen Realität in ihren Heimatländern.

Andrej Konovalov kam ursprünglich 2021 nach Deutschland, um hier sein Studium fortzusetzen. Mittlerweile ist der Friedensaktivist zu einer prominenten Stimme bei Veranstaltungen der Friedensbewegung im deutschsprachigen und internationalen Raum geworden. Seine Themen sind vor allem die ukrainische Mobilisierungspolitik sowie die Rechte von Kriegsdienstverweigerern. Ohne den völkerrechtswidrigen Einmarsch Russlands am 24. Februar 2022 infrage zu stellen, argumentierte Konovalov, dass aus einer Ungerechtigkeit keine weiteren hervorgehen sollten – und zwar gegen das ukrainische Volk. Exemplarisch dafür sprach er ausführlich über die sogenannte „Busufizierung“ – die umstrittene Praxis der ukrainischen Behörden, Männer im wehrfähigen Alter gewaltsam zu rekrutieren. In jeder großen ukrainischen Stadt werden monatlich die Straßen gesperrt, um Männer einzufangen, erzählte Konovalov. Viele würden sich monatelang verstecken oder das Gefängnis vorziehen, um dem Dienst zu entgehen, wobei ihm zufolge dort auch Folter zur Rekrutierung stattfinde. „Mich interessiert am meisten die Meinung der Menschen, die unter der Situation in der Ukraine leiden und nicht derer, die hier mit Ukraineflaggen auf Demos gehen“, begründete Andrej Konovalov seine Sicht.

vom Stellvertreterkrieg
Der zweite Referent Anton Polsky ist prominenter Soziologe und Stadtforscher aus Moskau und ebenfalls Mitglied der PSL. Auch als Künstler an der Schnittstelle zwischen Street-Art, politischem Aktivismus und Urbanismus kannte er einige russische Aktivisten, die nach öffentlichen Protesten brutal geschlagen und festgenommen wurden. Anonymer künstlerischer Protest in Form von Street-Art erwies sich zwar am langatmigsten, aber auch dazu situierte die russische Regierung ein bekanntes Exempel, als die Künstlerin Alexandra Skochilenko wegen des Anbringens von Preisschildern mit versteckten Friedensbotschaften in einem Supermarkt zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Dieser Krieg spiele sich mittlerweile auch in Deutschland ab, im weiteren Sinne verheiße er den Untergang von neoliberalen Demokratien und das Erstarken des rechten politischen Flügels, sagte der Forscher.

Ein Stellvertreterkrieg sei das, stimmte Andrej Konovalov entschieden zu und stützte seine Argumentation mit dem Narrativ, dass die Ukraine bereits im Frühjahr 2022 auf Anraten des damaligen britischen Premierministers Boris Johnson einen greifbaren Friedensvertrag abgelehnt habe, um Russland durch einen längeren Krieg wirtschaftlich zu schwächen. Mit dem Blut der Ukrainer erkaufe sich der Westen einen gefügigeren russischen Staat, so Konovalovs These. Mittlerweile überstiegen die Sterbezahlen im Land die Geburtenrate um das Dreieinhalbfache. In Russland komme man durch Trickserei und hohe Geldversprechen an neue Rekruten – vor allem in den ärmsten Regionen, berichtete Polsky. Beide Aktivisten zeigten sich einig, dass der Krieg, je länger er andauert, beide Gesellschaften – die ukrainische und die russische gleichermaßen – langfristig zu Kriegsgesellschaften und -wirtschaften transformiere.

Ein Austausch mit dem Publikum brachte verschiedenste Begründungen für diesen Krieg hervor – angefangen von der Problematik der fossilen Wirtschaft bis hin zu Russlands Sicherheitsempfinden mit Nato-Truppen vor seinen Grenzen. Dass Menschen im Krieg – in der Ukraine sowie in Deutschland – nur verlieren können, klang überzeugend, und nicht nur für die Friedensbewegung sind Verhandlungen das Mittel der Wahl. 

Aber welche Gegenwehr der rohen Kriegsgewalt geboten werden kann, während seit mittlerweile 1702 Tagen Kamikaze-Drohnen, ballistische Raketen und Marschflugkörper auf die Ukraine fliegen und 19,5 Prozent seines Gebiets durch russische Truppen besetzt sind, beantwortete der Abend nicht.

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